Diese alte Zuschreibung aus Zedlers Universallexikon 1735 für «wild» geht mir für «Wildnis Schweiz» nicht aus dem Kopf. Allein vom Relief her. Das Faszinierende der hohen Gebirge. Es drängt sich mir gradezu auf, im Besonderen, wenn man es ohne gemütliche Almhütte, Lifte und Seilbahnen denkt. Andrerseits und gradezu hochspannend im Kontrast dazu sehe ich das Image der Schweiz als eines weltweit sehr respektierten, bewunderten und manchmal auch beneideten, gepflegten Landes mit anständigem, sittsamem und fortschrittlichem Wohnungs- und Lebensstandard. Bis weit in alpine Tallagen prägen wohlanständige Ordnung und Sitte das Land, überragt von (auf den ersten Blick) unzugänglichen Gebirgsstöcken, in denen Gebirgsbäche, Lawinen und Muren die Berghänge schluchtartig aufreissen und damit wohlständigem Bauen entgegenwirken.
Wir hier im norddeutschen Flach- und Hügelland haben es von den Geländevoraussetzungen her relativ leicht, an Verkehrsachsen und Siedlungsrändern Gewerbe-«Parks», Logistikzentren, Wind- und Photovoltaik -«Parks» und Siedlungserweiterungen bauen zu lassen. Vieles davon entsteht fern der Tradition des wohlanständig Sittsamen allein technisch rational. Und mit dem Wilden ist es bei uns vom ersten Blick her viel schwieriger als in der Schweiz. Denn wir leben im gut zugänglichen Flach- und Hügelland auf einem durch und durch geforsteten, gezähmtem, kultivierten, industriell verbrauchten Land und versuchen in diesem gut Erschlossenenen und Zugänglichen ein paar Wälder und Moore wieder wilder, uriger werden zu lassen, um damit dem, was darin wild, also «unbändig, rauh, eigensinnig, ungezogen, unfreundlich, und vor sich nach eigenem Gefallen zu leben geneigt ist» (Zedler), mehr Zeit und Raum zu geben. Re-wilding, re-naturieren, re-staurieren, wo immer noch möglich, ist eigentlich, von der Evolution her betrachtet, sprachlich falsch, denn nichts kehrt zurück, auch wenn wir es – wie grade jetzt im Frühling – ersehnen, geniessen und immer wieder neu entdecken. Etwa den Hausrotschwanz, der wieder aus Nordafrika da ist und unter unseren Dachziegeln seine kleine Wohnung aufschlägt.
Dies ist ein Gastbeitrag von Gerhard Trommer aus Niedersachsen DE, Biologe und Wildnispädagoge.
Lebte ich noch in Immenstaad am Bodensee, dann würde ich die schwyzerische Wildnis bewundern. Hier kämpfe ich gegen sie: Giersch, die grün gewordene Anfechtung = UNKRAUT! Meine einzigen Verbündeten: Storchschnabel und Martje. Ich flüchte am Wochenende für 14 Tage nach Schottland, und wenn ich wiederkomme, fräse ich mit einem Rasenmäher den Weg zum Haus frei.
Henning