Der Naturerlebnispark Jorat bei Lausanne vermittelt seit 2021 pragmatisch zwischen freier Naturdynamik und grossem Nutzungsdruck. Eine Exkursion des Forum Wildnis Schweiz hat das Gebiet am 14. August 2026 besucht und einen Augenschein genommen, wie wild das Gebiet bereits ist.
Es ist ein Hitzetag wie so viele diesen Sommer. Wir sind froh, als uns Lausannes Métro an der Endhaltestelle in Epalinges ausspuckt – auf über 700 Meter Höhe ist es etwas erträglicher. Eine kurze Busfahrt später gehen wir bereits durch den Wald des Jorats auf rund 800 Metern Höhe, wo’s richtig angenehm ist. Für mich persönlich ist es ein lang ersehnter Moment: Endlich sehe ich den Naturerlebnispark Jorat mit eigenen Augen! Als grosser Fan des Sihlwalds bin ich gespannt, wie sich der zweite Naturerlebnispark der Schweiz anfühlt. Und vor allem frage ich mich: Wie wild ist er?

Teil des grössten Waldgebiets des Mittellands
Melanie Annen ist Projektleiterin Natur und Monitoring beim Naturerlebnispark Jorat. Sie führt unsere kleine Exkursionsgruppe des Forum Wildnis Schweiz durch den westlichen Teil des Parks, mit dem Chalet des Enfants als Ausgangs- und Endpunkt. In der kurzen Zeit sehen wir nur einen kleinen Teil des Parkgebiets. Der Übergang geht schnell: noch prägten offene Wiesen die Landschaft, schon sind wir im gemischten, oft dichten Wald. Der Naturerlebnispark Jorat liegt vollständig auf Gemeindegebiet der Stadt Lausanne, eingebettet in den über 40 Quadratkilometer grossen Waldkomplex des Jorat – dem grössten zusammenhängenden Waldgebiet des Schweizer Mittellands. Der Park selbst ist insgesamt 9,3 Quadratkilometer gross. Wir gehen meist auf relativ breiten Kieswegen. Ich suche überall nach Totholz und Zeichen von freier Naturdynamik. Je tiefer wir in den Wald eindringen, desto stärker werden sie.

Hunderttausende besuchen den Park pro Jahr
Zu Beginn erzählt uns Melanie Annen vor allem viel über das Thema Besuchendenlenkung. Dies ist im stark begangenen Naturerlebnispark Jorat zentral. Die Agglomeration von Lausanne mit ihren rund 400’000 Einwohnenden liegt nur wenige öV-Minuten südlich. Zum Stadtzentrum sind’s keine zehn Kilometer. Der Nutzungsdruck ist gross, die Ansprüche an das Gebiet sind vielfältig und nicht immer deckungsgleich. Im gesamten Perimeter gibt es rund 73 Kilometer Wege, die allen Fussgänger:innen offenstehen. 26 Kilometer sind fürs Reiten markiert und 17,5 Kilometer für Mountainbikes. Im Jahr 2025 wurden mit den automatischen Personenzählsystemen fast 400’000 Passagen gezählt, wovon rund ein Fünftel auf dem Mountainbike unterwegs gewesen waren. Der Naturerlebnispark Jorat begegnet diesem Spannungsfeld mit einem pragmatischen, lösungsorientierten Ansatz statt mit starren Verboten. In der Kernzone werden zum Beispiel die Wege differenziert gepflegt; sie werden nur dann unterhalten, wenn dies fürs Ausüben der Freizeitaktivitäten erforderlich ist.

Es gibt erst zwei davon
Der Parc naturel du Jorat ist 2021 offiziell als Naturerlebnispark anerkannt worden. Erste Ideen, einen Naturpark in den Wäldern des Jorat zu gründen, kamen bereits 2002 auf. 2005 bewilligte der Gemeinderat von Lausanne einen Investitionskredit, um die Entwicklung eines Naturerlebnisparks zu finanzieren. Zur Entwicklung des Parks wurde 2012 der Verein «Jorat, une terre à vivre au quotidien» gegründet. 2015 hat der Verein beim Bafu eine Kandidatur für die Schaffung des Naturerlebnisparks Jorat eingereicht, welcher das Bafu zugestimmt hat. Um den Perimeter zu finalisieren, die Ziele zu schärfen und einen Antrag für das Label als Naturerlebnispark stellen zu können, wurde 2016 ein Projektteam aufgestellt. Einige Personen daraus arbeiten nach wie vor beim Naturerlebnispark.
Freie Naturdynamik, nah der Stadt
Nach dem Wildnispark Zürich im Sihlwald ist der Naturerlebnispark Jorat erst der zweite Park dieser Kategorie in der Schweiz. Naturerlebnispärke ermöglichen Wildnisentwicklung und Naturerlebnis in nächster Nähe zu grösseren Städten. Die Pärkeverordnung (PäV) definiert für diese Kategorie drei zentrale Kriterien:
- Grösse: Die Kernzone eines Naturerlebnisparks muss mindestens vier Quadratkilometer umfassen – im Naturerlebnispark Jorat sind es rund 4,4 Quadratkilometer.
- Freie Naturdynamik: In der Kernzone soll sich die Natur frei entwickeln können, vergleichbar mit einem Nationalpark. Eine Übergangszone umschliesst die Kernzone möglichst, ermöglicht Naturerlebnisse und dient als Pufferzone zugunsten der Kernzone.
- Nähe zur Agglomeration: Ein Naturerlebnispark liegt im Umkreis von höchstens 20 Kilometern des Kerns einer Agglomeration, in topographisch ähnlicher Höhenlage. Er ist mit dem öffentlichen Verkehr gut erreichbar.
Die Schweizer Pärke
Die Schweiz zählt 20 Pärke von nationaler Bedeutung: den Schweizerischen Nationalpark, 17 Regionale Naturpärke und zwei Naturerlebnispärke (Sihlwald und Jorat). Ausser dem Schweizerischen Nationalpark, welcher eine eigene rechtliche Grundlage hat, beruhen alle Pärke auf dem 2007 revidierten Natur- und Heimatschutzgesetz und der Pärkeverordnung. Das Bafu vergibt das Parklabel für zehn Jahre – danach wird die Charta erneuert und die lokale Bevölkerung stimmt über die Weiterführung des Parks ab. Zentral ist das Engagement der lokalen Bevölkerung: Pärke entstehen aus Ideen und der Initiative in der Region. Pärke sind Modellregionen für eine nachhaltige Entwicklung, in welcher ökologische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Interessen gleichermassen gewichtet werden.
Kubikmeter alleine zählen nicht
Nun, wie wild ist der Jorat, wie fühlt es sich an? Im Vergleich etwa zum Sihlwald bei Zürich ist der Naturerlebnispark Jorat heute noch wenig wild – was bei erst gut fünf Jahren freier Naturentwicklung in der Kernzone nicht anders zu erwarten war. Erste Ansätze von Wildnisentwicklung sind bereits sichtbar: Etwas weiter innen im Wald gibt es viel Totholz und grosse alte Bäume. Der Park hat ein wissenschaftliches Monitoringkonzept entwickelt, um die Entwicklung des Waldes verfolgen zu können – sowohl aus struktureller Sicht (z.B. liegendes Totholz) als auch aus ökologischer Sicht (saproxylische, also von Alt- und Totholz abhängige Arten).
Viel wichtiger als gemessene Kubikmeter Totholz finde ich jedoch das Engagement des Parkteams. Es vermittelt seit gut zehn Jahren geschickt zwischen verschiedenen Nutzungsinteressen. Freie Naturentwicklung und Prozessschutz sind bis tief hinein in viele Naturschutzorganisationen noch immer keine Selbstverständlichkeit. Viele wollen pflanzen, pflegen und hegen, was auf vielen Flächen auch Sinn macht. Es braucht aber auch gute Beispiele für andere Ansätze, für mehr Wildnis. Und: Es braucht viel gute Bildungsarbeit, wie sie der Park leistet. Ich hoffe, dass weitere Agglomerationen das Abenteuer Naturerlebnispark wagen und Wildnis und Naherholung verbinden. Ein Blick in die Romandie lohnt sich allemal, zumal ich das Gefühl habe, dass der Röstigraben nach wie vor den Austausch erschwert.

Gekommen, um wiederzukommen
Wir lassen die Exkursion in der Auberge du Chalet des Enfants ausklingen. Die Auberge ist Mitglied bei Slow Food, der Garten ist wunderschön – alles fügt sich zu einem stimmigen Ganzen. Zum Mittagessen stösst Sophie Chanel, Direktorin des Naturerlebnisparks Jorat, zu uns. Wir sind beeindruckt, wie sie und ihr Team seit bald zehn Jahren die Idee des Naturerlebnisparks Jorat vorantreiben – mit viel Geduld und Beharrlichkeit. Ich werde bald wieder kommen, um zu sehen, wie sich der Wald ohne menschliches Zutun weiterentwickelt.